Die erste Super-Endstufe, die ich jemals aus der Nähe
sah und zudem auch hören durfte, war die Vernissage Kraft
100, Entwickler: Rolf Gemein. Und die Kette mit Infinity Reference
Standard 2.5 oder 4.5 (an die anderen Komponenten erinnere
ich mich nach über zwei Jahrzehnten nicht mehr) spielte
göttlich! Das RAE-Studio im Aachener Osten, in das wir
seinerzeit buchstäblich kilometerweit zu Fuß pilgerten,
muss aus heutiger Sicht Mühe gehabt haben, uns eingefleischte
HiFi-Fans und Teenager wieder loszuwerden.
Die langjährige
Erfahrung Rolf Gemeins zahlt sich aus, denn auch die später
unter dem Label „Symphonic Line" erschienenen Geräte
und Lautsprecher transportierten stets - fernab profaner Datenblätter
- eine musikalische Botschaft. Und dass der Mann hören
kann wie kaum ein Zweiter, beweisen seine legendären Vorführungen
auf der HighEnd ebenso wie der jüngste Besuch des Meisters
hier in unseren Hörräumen, der doch tatsächlich
noch zu nachvollziehbaren Verbesserungen der guten, aber nicht
perfekten Lautsprecheraufstellung beitrug.
Schon deshalb freute es mich besonders, den lange Zeit als
Arbeitsgerät der Redaktion genutzten Symphonic Line RG14
nun als Edition 2004 auf dem neuesten Stand der Evolution testen
zu können. Genuss ist da schon beinahe vorprogrammiert,
dessen kann man ziemlich sicher sein.
Äußerlich kommt dieser schwarze Amp recht unspektakulär,
aber zeitlos daher, setzt nicht auf kurzlebige Trends. Er wirkt
spartanisch, hat nur vier Drehknöpfe, der linke als Ein-/Ausschalter
fungierend, der rechte etwas größer für die
Lautstärke, dazwischen der Eingangswahl- und der Monitorschalter.
Das Empfangsauge für die Fernbedienung sowie eine LED
zieren die massive Front. Auf der Rückseite kann man den
integrierten Phonopart zwischen MM und MC umschalten sowie
Quell- und Aufnahmegerätschaften, ein Paar Lautsprecher
und das speziell abgestimmte Netzkabel andocken. Das war's
auch schon. Klangregler, Filter, Schnickschnack - Fehlanzeige.
Die großen Brüder des RG14, den RG9 und -mit vor
allem erweiterter und leistungsfähigerer Stromversorgung
- den RG10 (um3580/ 4580 Euro), gibt es seit vielen Jahren.
Sie lieferten gleichsam die Vorgabe für den günstigeren
RG14, der auf das kostspielige Aranya-Gehäuse verzichtet
und bei dem ansonsten gegenüber dem aktuellen RG9 vor
allem der Selektionsgrad der Bauteile auf ein angemessen
hohes Maß gesenkt wurde. RG9 und 10 liefern etwas mehr
Drive, die Verwandtschaft ist aber eng. Zufällig ist
hier nicht ein Bauteil,
alles wurde gehörmäßig ausgewählt. Selbst
der wirksame Querschnitt des genannten Netzkabels von 3x1,5
Quadratmillimetern, denn die - so Gemein - klängen besser
ausbalanciert als eine den Bassbereich generell etwas übertreibende
3 x 2,5er-Strippe. Sehr interessant!
Die Vorstufensektion des Vollverstärkers ist in vier Gruppen
gegliedert: diskreter MC-Head Amp, ebenfalls diskrete MM-Phonostufe
als Differenzverstärker mit Gegenkopplungsnetzwerk für
die RIAA-Entzerrung, IC-bestückter Burr Brown Puffer für
die Signalquelle, der dem hochwertigen Alps-Poti vorgeschaltet
ist und Linear-Ausgangsverstärker (Flat Amp) in IC-Form
mit nachfolgender Class A-Stufe.
Der Endstufenteil des RG14 ist -wie die seiner Brüder
- mit ausgemessenen Transistoren im Spannungverstärkerteil
völlig symmetrisch aufgebaut. Leerlaufverstärkung
und Über-alles-Gegenkopplung sind niedrigstmöglich
angesetzt. In der Schaltung werkeln am Eingang zwei Differenzverstärker,
die arbeitsteilig je eine Halbwelle übernehmen. Die
Kollektoren arbeiten auf eine weitere Verstärkerstufe.
Diese Stromverstärkerstufe
besteht aus exquisiten Toshiba-Treibern und neuerdings jeweils
zwei parallel geschalteten, nicht minder hervorragenden Leistungstransistoren
aus gleichem Hause. Daraus ergibt sich eine Art Super-Emitterfolger
mit enormer Bandbreite, aber im Arbeitsbereich extrem linearem
Verstärkungsfaktor.
Die Verwendung von WBT-Silberlot, höchstwertige Innenverkabelung,
aufwändige Epoxydharzplatinen, eigenen Elkos, verraten
ebenso den betriebenen Aufwand wie der magnetisch undurchlässige
Mu-Metall-Ringkerntrafo.
Und der zahlt sich aus.
Von der ersten Sekunde an demonstriert
der RG14 seine enorme Klasse. Tiefenstaffelung, Ortung und
Fokus sind frappierend echt, ohne dass Details allzu klinisch
freigestellt werden. Die Musik ist ungeheuer ergreifend,
das Klangbild federt geradezu, ungeahnte Nuancen von Klangfarben
werden sichtbar, der Raum vibriert vor pulsierendem Leben,
und man ist bei geschlossenen Augen fast versucht, sich passend
zur entspannten Genießerhaltung die Sängerin zu
greifen. Die dreidimensionale Abbildung durch diesen Verstärker
ist derart charmant, dass Sie mir den kleinen Chauvi-Spruch
hoffentlich nachsehen. Dabei ist bei allem Schmelz und aller Ästhetik
stets mehr als genug Kraft da, um auch mal richtig die Pauke
krachen zu lassen. Und die kracht dann auch unkomprimiert
und extrem präzise. Mit diesem Verstärker dürfte
man selbst mich auf die berühmte Insel schicken, so
viel kann das Ding aus Duisburg.
Es gibt nicht viele HiFi-Geräte, bei denen knapp 3100
Euro langfristig so gut angelegt sein werden wie bei diesem
einen. Versprochen! Der RG14 Edition ist ab sofort wieder Arbeitsgerät
der Redaktion.
An der nochmaligen Steigerung der ohnehin süperben RG14-Fähigkeiten
haben die neuen Treiber und Transistoren maßgeblichen
Anteil. |